Startseite der Ort Aktuelles Geschichte Bilder Links
zurück zur Elbe-Seite

Der Schönebecker Hungerstein

Der Hungerstein bis 2010 Beschädigung des Hungersteins Wie Weiter? Beantragung des Naturdenkmals "Hungerstein Schönebeck" Kommentar Neue Höhenlage des Steines

Ein sichtbares Zeichen für extremes Niedrigwasser sind sogenannte Hungersteine: große Findlinge in der Elbe oder an bestimmten Stellen absichtlich angebrachte Steine, die bei Niedrigwasser sichtbar sind, und deren "Auftauchen" anzeigt, daß Schiffe nicht mehr fahren können und für die Schiffahrt eine Hungerszeit, eine Zeit ohne Einkommen anbricht.

Der Hungerstein bis 2010

Bis zum Jahr 2010 lag der Schönebecker Hungerstein gleich gegenüber von Schönebeck am Ufer der Elbe, ein Findling von etwa 1,5 x 1,5 x 2,5 m Größe und mindestens 12 Tonnen Gewicht. Er wurde bei einem Pegelstand von 125 bis 130 cm am Schönebecker Elbepegel sichtbar, entsprechend einer Fahrrinnentiefe von etwa 1,60 Meter. Der Hungerstein lag außerhalb der Fahrrinne zwischen zwei Buhnen im Wasser der Elbe, genau an der Stelle der Kilometertafel 311.
Hungerstein bei Schönebeck Hungerstein bei Schönebeck
Der Hungerstein in der Elbe bei Schönebeck am 08.08.2008, der bei einem Pegelstand von 90 cm (Elbepegel Schönebeck) ca. 40 cm aus dem Wasser ragt. Deutlich sichtbar sind einige eingehauene Jahreszahlen. In Magdeburg mußte bei diesem Wasserstand (Pegel Magdeburg Strombrücke unter 75 cm) sogar die Passagierschiffahrt auf der Elbe eingestellt werden. Die Fahrrinne war an diesen Tagen nur noch 135 cm tief. Beim Baden im Fluß hätte man beinahe über die gesamte Breite der Elbe laufen können, hätte einen die Strömung dabei nicht umgeworfen. Die Füße konnten aber über die gesamte Strecke den sandigen Grund ertasten.
Ein weiterer Hungerstein ist im Kreismuseum Schönebeck ausgestellt – ein ehemaliger Grabstein, der in einem (inzwischen zugeschütteten) Hafenbecken des Schönebecker Hafens lag, und in den besonders niedrige Wasserstände eingehauen sind - z.B. 1904: 47 cm.
Durch die Wasserzurückhaltung und -einspeisung durch die Talsperren auf tschechischem Gebiet treten derart niedrige Wasserstände zwar nicht mehr auf - dennoch ist die Elbe im langjährigem Mittel in 13% der Zeit nicht (bzw. nur mit leeren Schiffen) und in 53% der Zeit nicht wirtschaftlich schiffbar. Abgesehen von Fahrgastschiffen - bei denen sich die Wirtschaftlichkeit nicht nach der transportierten Masse, sondern anhand der Zahl der Passagiere bemißt und die deshalb selbst bei Vollauslastung einen Tiefgang haben, der gering genug für das beinahe ganzjährige Befahren der Elbe ist.
Wegen der naturhistorischen und landeskundlichen Bedeutung des Hungersteins wurde 2009 beantragt, ihm den Status eines Naturdenkmals zuzuerkennen. Damit sollte vor allem verhindert werden, daß der Stein durch das Wasserstraßenamt (das regelmäßig die Fahrrinne der Elbe kontrolliert) beseitigt wird. Zuständig für den Antrag war das Umweltamt des Salzlandkreises als Untere Naturschutzbehörde. Vom damaligen Amtsleiter Klaus Poeschel wurde zwar bestätigt, daß der Hungerstein die Voraussetzungen für ein Naturdenkmal erfüllt (er also nach geltendem Naturschutzrecht als Naturdenkmal ausgewiesen werden müßte), dennoch wurde der Antrag unter fadenscheinigen Gründen abgelehnt.

Beschädigung des Hungersteins

Leider waren die damaligen Befürchtungen begründet. Deshalb mußte die obige Beschreibung des Hungersteins in der Vergangenheitsform geschrieben werden. Im Frühjahr 2011 versetzten Bagger des Wasser- und Schiffahrtsamtes Magdeburg den Hungerstein an den Rand des Buhnenfeldes und veränderten auch seine Höhe um etwa 130 cm nach oben – statt bei einem Pegelstand von 130 cm wird er jetzt bereits bei einem Pegelstand unterhalb von 260 cm (Pegel Schönebeck) sichtbar. Damit wird er im langjährigen Durchschnitt statt weniger Wochen länger als sechs Monate jährlich sichtbar sein.
In der Schönebecker Volksstimme wurde am 14.05.2011 darüber berichtet, daß Uwe Döhler den Hungerstein in der Nähe der Buhne sichtete, während der Stein doch sonst etwa 50 Meter vom Ufer entfernt in der Mitte des Buhnenfeldes liege. Das Wasser- und Schiffahrtsamt erklärte gegenüber der Volksstimme, es handele sich dabei nicht um den Hungerstein, sondern um einen anderen Findling. Auch wenn die Volksstimme bereits in diesem Artikel die richtige Frage stellt: "wurde der Hungerstein beim Ausbaggern der Fahrrinne verschoben?", wird in den nächsten Tagen in mehreren Artikeln über die Ursache der Lageänderung des Hungersteines spekuliert: (Artikel zum Vergrößern anklicken)
Nachdem anhand der eingemeißelten Jahreszahlen und Schriftzeichen der Hungerstein zweifelsfrei identifiziert wurde, wurden natürliche Gründe für die Lageänderung gesucht. So zum Beispiel das Wegspülen von Kies vor dem Stein, so daß er aufwärts wandern kann. Dabei würde sich der Stein aber tiefer in den Untergrund eingraben. Ein Bergaufwandern ist damit ebenso unmöglich wie ein Anheben um 1,30 Meter.
Wer sich in den vergangenen Tagen den Stein genauer betrachtete, konnte dabei erkennen, daß die Ursache für das "Wandern" des Steines viel trivaler ist: Der riesige Findling, der über Jahrhunderte fest im Elbegrund lag, wurde von einem Bagger des Wasser- und Schiffahrtsamtes Magdeburg an das Ufer befördert. Auf dem Stein und an allen Seiten sind deutlich von der am Stein abrutschenden Baggerschaufel verursachte Kratzer als helle, unregelmäßige Streifen zu erkennen (Bild anklicken zum Vergrößern). Ob die Besatzung des Baggerschiffes die Bedeutung des Steins erkannte und ihn deshalb am Ufer ablegte statt ihn per Schiff abzutransportieren, konnte noch nicht geklärt werden. Da die Behörde selbst nichts vom Versetzen des Hungersteins wußte, scheint es nur ein glücklicher Zufall zu sein, daß der Hungerstein Schönebeck überhaupt noch existiert: er war schlicht zu groß und zu schwer, um ihn sicher an Bord zu hieven. Die Kraft des Baggers reichte nur, den Stein unter Wasser ein wenig anzuheben und ihn so dicht an das Ufer zu bringen. "Gewandert" ist der Hungerstein also nicht, weder seitwärts noch gegen den Strom.
Dies wurde dann auch in einem einige Tage später erschienenen Artikel in der Volksstimme bestätigt. Diesmal gab das Wasser- und Schiffahrtsamt entgegen der ersten Anfrage der Volksstimme auch zu, den Stein von seiner ursprünglichen Stelle bewegt zu haben. Daß der Stein sich durch die Strömung der Elbe zuvor bis in die Fahrrinne bewegt haben soll, scheint eine Schutzbehauptung zu sein. Schließlich verläuft die Fahrrinne an der gegenüberliegenden Seite der Elbe. Das diesjährige Hochwasser war nicht stärker als die großen Hochwässer der zurückliegenden Jahre, die den Hungerstein kein bischen bwegt haben. Solange das Amt kein entsprechendes Meßprotokoll der Sonarerkundung vorlegt, ist davon auszugehen, daß der Stein in diesem Jahr nur zufällig ins Blickfeld des Meßschiffes kam und dann in Unkenntnis, worum es sich handelt, beseitigt wurde. Hätte die zuständige Untere Naturschutzbehörde, also das Umweltamt des Salzlandkreises sachgerecht gehandelt und den Stein zum Naturdenkmal erklärt (siehe unten), dann wäre der Stein als Naturdenkmal in den Karten des Schiffahrtsamtes eingetragen gewesen und hätte nicht einfach so, ohne Beteiligung des Umweltamtes weggeräumt werden können. Zumindest hätte die Behörde in einem solche Fall die Möglichkeit gehabt, zur Erhaltung des Steins wenigstens in seiner ursprünglichen Höhe beizutragen.

Wie weiter?

Nicht nur der Stein an sich, sondern auch dessen Höhenlage sind charakteristisch für die Anzeige von "Hungerzeiten" (also Zeiten mit extrem niedrigen Wasserstand der Elbe) und damit von naturhistorischer und landeskundlicher Bedeutung. Aus diesem Grund wurde von der Naturschutzbehörde auch bestätigt, daß der Hungerstein die Eigenschaften eines Naturdenkmals hat. Damit ist das Versetzen des Steines eine Beschädigung des Naturdenkmals – unabhängig von einer tatsächlichen Ausweisung als Naturdenkmal. Zudem droht dem Stein wegen seiner nun längeren Sichtbarkeit ein Verschmutzen durch Grafitti. Durch die jetzige Lage bekommt er zudem weniger Strömung ab, die in früheren Fällen Farbe einfach wieder abwusch. Die Behörden sind aufgerufen, den Stein nun unverzüglich unter Schutz zu stellen sowie die ursprüngliche Höhenlage wiederherzustellen.

Beantragung des Naturdenkmals "Hungerstein Schönebeck"

Als Denkhilfe für das Amt und zur Information interessierter Leser wird hier der Schriftwechsel zum Hungerstein veröffentlicht:

Kommentar

Vor der ersten Ablehnung wurde aus gut informierter Quelle mitgeteilt, daß der damalige Amtsleiter, Herr Poeschel, kurz vor seinem Ruhestand nichts neues mehr anstoßen und den Antrag deshalb ablehnen werde. Davon mag man halten was man will. Jedoch hinderten die offensichtlichen Verfahrensfehler und die Zustimmung aller beteiligen Ämter die Nachfolgerin in der Leitung des Umweltamtes, Frau von Wagner, nicht daran, weiterhin auf der Nichtausweisung des Naturdenkmals zu bestehen. Nochmal zum mitschreiben: ein Antrag, der keine Kosten zur Folge gehabt hätte, der seitens der Stadt Schönebeck befürwortet wurde und gegen den nicht einmal die Wasserstraßen- und Schiffahrtsverwaltung Bedenken hatte, wurde also zunächst vermutlich aus Bequemlichkeit eines Behördenleiters abgelehnt. Nach Hinweis auf Fehler des Bescheides reagierte Frau von Wagner dann in der von ihr gewohnten Weise: sie ließ den Verfasser des Antrages bereits früher einmal wissen, daß in Sachsen-Anhalt Behörden immer Recht haben. Und um dies zu bestätigen wurde zwar die Fehler betreffend inhaltlich recht gegeben, dann aber das "ich mag nichts tun" juristisch spitzfindig neu verpackt. Nun ja – gegen derartige Borniertheit ist schwer anzukommen. Dabei stimmt die Argumention von Frau von Wagner schon aus mehreren offensichtlichen Gründen nicht: Bereits jetzt erlaubt das Naturschutzrecht auch die Aufhebung des Schutzstatus (sonst würde auch die unter Naturschutz gestandene, mehrere Jahrhunderte alte große Eiche "Nr. 40" im Nachtigallenstieg noch stehen). Darüber hinaus sieht das Naturschutzgesetz lediglich vor, die Betroffenen (wie das Wasser- und Schiffahrtsamt) anzuhören und Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Das von Frau von Wagner unterstellte Widerspruchsrecht der Wasserstraßenverwaltung hat sie sich selbst ausgedacht. Als Juristin hätte sie wissen müssen, daß ein solches Recht im Gesetz gar nicht vorgesehen ist. Gleichwohl hätte man mit dem Wasser- und Schiffahrtsamt eine Regelung für den Fall treffen können, daß der Hungerstein die Wasserstraße beeinträchtigt (was er je bekanntlicherweise an seinem bisherigen Platz nicht tat). Jetzt aber ist die übergeordnete Behörde gefordert, den Hungerstein zu schützen. Ihn sowohl (endlich!) unter Naturschutz zustellen als auch dem Stein seinen ursprünglichen oder doch wenigstens einen gleichartigen und angemessenen Platz in der Elbe zu geben. Wenn die untere Naturschutzbehörde unfähig dazu ist, dann muß eben die obere Naturschutzbehörde eingreifen.

Neue Höhenlage des Steines

Hungerstein auf dem Trockenen
War vor der Verlegung des Hungersteines desssen Sichtbarwerden ein Maß für Niedrigwasser in der Elbe, so muß man sich nun als neuen Maßstab dessen Trockenfallen merken. Unterhalb eines Pegelstandes von 125 Zentimeter (entsprechend einer Fahrrinnentiefe von 155 Zentimeter) liegt der Stein trocken. Die Fotos entstanden am 29.08.2012 bei einem Pegelstand von 118 Zentimeter am Schönebecker Elbepegel, was einer Fahrrinnentiefe von nur noch 148 Zentimeter entspricht.
Hungerstein auf dem Trockenen Hungerstein auf dem Trockenen

Impressum

Stand der Bearbeitung: 30.08.2012